Tag 14: Sydney (Oder: Vom Schlangestehen, Super-Athleten und dem großen Nummern-Poker)
Der Tag startet um 7 Uhr morgens bei Traumwetter mit den Turnschuhen an den Füßen. Wir veranstalten ein lockeres Läufchen mit unserer Interair-Truppe – und sind definitiv nicht allein: Gefühlt ganz Sydney ist auf den Beinen, um ein letztes kurzes Trainingsläufchen vor dem Marathon am Montag zu unternehmen. Völlig faszinierend: Eine Riesen-Gruppe von rund 300 Indonesiern joggt uns strahlend, winkend und bester Laune entgegen. Kurz darauf rauscht eine afrikanische Läufergruppe an uns vorbei – mit einer Schrittlänge und Dynamik, die man sonst nur aus dem Fernsehen von den Eliteläufern kennt. Beeindruckend!
Noch viel beeindruckender wird es aber im Gespräch mit einer Mitläuferin aus unserer Gruppe: Auf ihrem Shirt prangt das Logo des legendären Badwater Race. Wir fragen genauer nach – und fallen fast vom Glauben ab: Sie und ihr Mann sind diesen Wahnsinns-Lauf über 217 Kilometer durch das Death Valley bei schlappen 50 Grad Celsius plus 19 Kilometer Schlussanstieg in die Sierra Nevada nicht nur einmal, sondern direkt zweimal gelaufen! Ganz ehrlich: Vor solchen Menschen kann man nur tief den Hut ziehen.
Um den Anschluss nicht zu verpassen, schwänzen wir kurzentschlossen die Dusche und schlagen direkt beim Frühstück auf. Ab 8 Uhr drohen hier endlose Schlangen – und um 9 Uhr wartet schon der Bus zur Stadtrundfahrt. Der zuckelt mit leichtem Verzug los und schlingert durch das Zentrum, das wir vom Morgenlauf schon ganz gut kennen, bevor es Richtung Pazifik geht. Wie gewohnt gibt es reichlich Geschichtsunterricht und Anekdoten zu allen Bauwerken am Wegesrand.
An der Steilküste steigen wir für einen kleinen Spaziergang aus. Nett ist es ohne Frage – aber wenn man seit zwei Wochen an der australischen Pazifikküste unterwegs ist, hält sich der „Wow-Effekt“ mittlerweile in Grenzen. Nächster Stopp: Bondi Beach. Sylvia und ich schauen uns an und sind uns einig: Ganz hübsch, aber wir haben in den letzten Tagen definitiv schönere Strände gesehen. Man verweichlicht eben auf hohem Niveau! Der Strand ist wohl vor allem deshalb so berühmt, weil er direkt vor der Haustür der Innenstadt liegt. Ein Ort mit Geschichte – leider auch mit trauriger, seit dort letztes Jahr Schüsse auf Passanten fielen.
Um 13 Uhr sind wir zurück im Hotel, durchatmen ist aber nicht: Um 14 Uhr geht es geschlossen zur Marathon-Messe auf das Olympia-Gelände von 2000. Nach Schreckensberichten über stundenlange Wartezeiten gestern kommen wir überraschend geschmeidig durch die Abholung der Startnummern.
Denkst du! Denn jetzt beginnt das eigentliche Drama:
Ich schaue auf meine Startnummer und sehe: orange. Sylvia hat grün. Wir sollten aber eigentlich zusammen starten. Bei 40.000 Läufern ohne gemeinsame Startwelle zusammenzufinden? Völlig utopisch. Das erste Helpdesk wiegelt ab: „Kein Problem, selbe Welle!“ Mein Bauchgefühl sagt laut Nein.
Ich gebe brav meinen Kleiderbeutel unter der orangen Nummer ab, traue dem Frieden aber nicht und frage an einer Übersichtskarte nochmal einen Helfer. Der winkt nur mitleidig ab: „Very difficult!“
Also wieder zurück zur Startnummernausgabe. Das zweite Helpdesk schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: Riesenfehler, ich brauche eine neue Nummer! Das Problem: Mein Kleiderbeutel segelt bereits unter der alten Nummer durch die Logistik. Ich marschiere also zurück zur Beutelabgabe, um meinen Sack wieder einzusammeln.
Dort entgeistertes Schweigen. Man schaut mich an, als käme ich vom Mars. Die Beutel wandern nämlich völlig unsortiert in riesige Kartons für den Transport ins Ziel. Nach einer kurzen Alibi-Suche bricht der Helfer ab und holt den Supervisor. Der nimmt mich vertrauensvoll an die Hand, marschiert mit mir zurück zum Helpdesk und diktiert die pragmatische Lösung ins Protokoll: Beutel weg, neue Startnummer her! Ich bekomme ein Beweisfoto samt Vollmacht und beiden Nummern aufs Handy gepackt, das ich im Zielbereich vorzeigen muss, um meine Klamotten hoffentlich jemals wiederzusehen. Ein Hauch von Krimi zwei Tage vor dem Start!
Zurück im Hotel lassen wir diesen erlebnisreichen Tag bei der obligatorischen Riesenportion Pasta und hochgelegten Beinen ganz entspannt ausklingen.
